Freitag, 1. Juli 2011

Adam und Bruno: Die Emanzipation ist an allem schuld

»Nanu, Bruno, hast du heute dein fröhliches Gesicht nicht gefunden?«

»Das könnte man fast sagen.«

»Was ist denn nun wirklich geschehen?«

»Meine Frau und ich haben uns über den Materialismus der Kinder unterhalten.«

»Ja, Bruno, das ist wahrhaftig eine unerquickliche Angelegenheit.«

»Soweit waren wir uns auch noch einig, doch als es um die Ursachen ging, brach der Krieg aus, denn da sind wir völlig anderer Meinung. Sie will die tatsächlichen Ursachen nicht sehen.«

»Was ist denn deiner Ansicht nach die tatsächliche Ursache, dass du deine Frau damit gegen dich aufgebracht hast?«

»Ich verriet ihr, dass die Emanzipation der Frauen schuld daran ist.«

»Aber, Bruno, das ist ein harter Brocken, den du deine Frau schlucken lassen wolltest. Außerdem darfst du es auch nicht so stark verkürzen.«

»Der Zusammenhang ist aber doch vorhanden – oder etwa nicht?«

»Das reicht jedoch nicht, Bruno. Anderenfalls könnte ich auch behaupten, die Emanzipation der Männer wäre an allem schuld.«

»Das kann man aber nicht vergleichen.«

»Aber selbstverständlich kann man das vergleichen. Ich weiß zwar, was du im Grunde meinst, nämlich den Verstoß gegen eine Fundamentalregel des menschlichen Miteinander.«

»Dann weißt du mehr über das, was ich meine, als ich selbst. Was ist das für eine Fundamentalregel?«

»Eigentlich, Bruno, solltest du sie kennen, denn so neu ist sie nicht, sie ist vielmehr ein Teil der Verantwortlichkeit: Jeder ist für das, was er verändert oder verändern könnte, verantwortlich. So ist das auch hier, wie wir feststellen werden, wenn wir uns die Situation etwas genauer ansehen.«

»Jetzt bin ich aber gespannt, Adam, wie du weiter argumentieren wirst.«

»Es gab eine Zeit, da existierte noch die feste Arbeitsteilung: Der Mann sorgte für die finanzielle Grundlage der Familie, und die Frau kümmerte sich um den Haushalt und vor allem um die Kinder.«

»Vermutlich meinst du die Zeit, die in den Fünfzigerjahren oder zu Beginn der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts allmählich endete, Adam.«

»Ja, Bruno, diese Zeit meine ich.«

»Bevor die von dir gemeinte Zeit endete, waren doch auch schon einige Frauen berufstätig.«

»Das ist wohl richtig, aber es war eine Minderheit. Entweder standen sie allein, oder sie hatten eine teure Ausbildung absolviert und wollten die Früchte nicht verlieren. Das Entscheidende aber war, dass diese Frauen überwiegend keine Kinder hatten, somit auch niemanden, der plötzlich auf die gewohnte mütterliche Zuwendung verzichten musste.«

»Darin stimme ich mit dir überein. Aber dann wollten sich die Frauen plötzlich emanzipieren.«

»Du sagst es so, Bruno, als wäre die Emanzipation der Frauen etwas Schlechtes, doch das ist sie nicht.«

»Wenn darunter die Kinder leiden müssen, dann finde ich sie tatsächlich schlecht, Adam.«

»Ich muss dir leider sagen, Bruno, du verkürzt bereits wieder, denn die erste Welle berufstätiger Mütter hatte noch nichts mit Emanzipation zu tun.«

»Hatte sie nicht?«

»Nein, das hatte sie nicht.«

»Nun verrate einmal, Adam, was bewog die Mütter dann, eine Berufstätigkeit aufzunehmen, wenn es nicht der Wille war, sich zu emanzipieren?«

»Hier, lieber Bruno, bist du eigentlich am Ziel, denn hier könntest du die Mütter kritisieren, ihnen sogar Gier vorwerfen.«

»Es tut mir leid, Adam, bisher durchschaue ich das Ganze noch nicht.«

»Diese Mütter nahmen die Berufstätigkeit allein des zusätzlichen Geldes wegen auf. Eine einfache Schreibkraft erklärte mir einmal, wenn sie nicht wenigstens zwei Mal im Jahr eine große Urlaubsreise machen dürfte, dann brauchte sie doch gar nicht erst zu arbeiten.«

»Jetzt erkenne ich die Gier.«

»Vergessen wir nicht, Bruno, die ersten berufstätigen Mütter hatten tatsächlich mehr Geld zur Verfügung, doch das änderte sich sehr bald, und etwas anderes begann seinen verhängnisvollen Lauf: die materielle Einstellung der Kinder.«

»Mir scheint, Adam, jetzt nähern sich unsere Standpunkte sehr an.«

»Einerseits hast du recht, Bruno, andererseits aber auch nicht.«

»Einerseits und andererseits? Wann habe ich recht und wann nicht?«

»Du hast eindeutig nicht recht, wenn du die Emanzipation anführst, du hast jedoch recht, wenn du die berufstätigen Mütter meinst.«

»Das erklärst du doch gewiss noch.«

»Während sich die berufstätigen Mütter der ersten Welle über zusätzliche Kaufkraft freuen konnten, nagte manchmal ein schlechtes Gewissen an ihnen, und zwar wegen der Kinder. Um ihr Gewissen zu beruhigen und den Kindern einen Ersatz für die Anwesenheit der Mütter zu bieten, verwöhnten sie ihre Kinder mit Geldgeschenken, was den Kindern natürlich gefiel. Es ging sogar so weit, dass Kinder, deren Mütter nicht berufstätig waren, nach eigener Meinung darunter zu leiden hatten, denn sie mussten mit weniger Geld auskommen.«

»Da ist doch wieder der Zusammenhang zwischen der Emanzipation berufstätiger Mütter. Also doch!«

»Nein, Bruno, schau genauer hin! Noch ist das Motiv eindeutig die Gier nach mehr Geld. Je mehr Mütter allerdings die Berufstätigkeit aufnahmen, desto geringer war der Kaufkraftzuwachs. Schließlich hatten sich die Preise längst an das Plus an Kaufkraft heranbewegt und es aufgezehrt.«

»War das dann das Ende der Berufstätigkeit der Mütter?«

»Nein, Bruno. Jetzt mussten sie berufstätig sein, um die für den Unterhalt einer Familie erforderliche Kaufkraft zu erwerben. Spätestens, als jeder Mutter klar war, dass sie keine Wahl mehr hatte, spielte die Gier keine Rolle mehr, denn da zählte nur noch das Überleben der Familie.«

»Wo bleibt dann die Emanzipation der Mütter?«

»Ich fürchte, sie ist eine Erfindung der Wirtschaft, die plötzlich viele zusätzliche Arbeitskräfte brauchte, umso mehr, als sie im Endeffekt nicht mehr Kaufkraft kosteten als zuvor die Väter allein. Deren ursprüngliche Kaufkraft reichte jetzt, um beide Elternteile zu beschäftigen. Wer von den Frauen nicht mitzog, wurde als ›Heimchen am Herd‹ verunglimpft.«

»Was ist nun aber mit dem Materialismus der Kinder?«

»Den Anfang haben wir bereits erkannt, als nämlich die ersten Mütter eine Berufstätigkeit aufnahmen, und zwar, ohne von finanzieller Not gezwungen zu sein. Was dann folgt, ist reiner Bestandsschutz, den wir aus allen möglichen Bereichen kennen. Obwohl nicht mehr Geld in der Haushaltskasse landete, wollten die Kinder dennoch ›entschädigt‹ werden. Das weitete sich schließlich so aus, dass kein Kind mehr bereit war, beispielsweise ohne Bezahlung ein Kind zu hüten. Es gab einmal eine Zeit, da war es für ein Mädchen eine große Ehre, ein Baby betreuen zu dürfen. Bei irgendwelchen Ereignissen, die die Mütter verärgerten, waren die Mädchen ›ihr‹ Baby los.«

»Worin besteht nun das Hauptvergehen der berufstätigen Mütter?«

»Ich meine, Bruno, das gibt es gar nicht. Wenn der Status quo geändert wird, müssen beide Elternteile für einen Ausgleich sorgen, allerdings nicht für einen finanziellen. Inzwischen ist es jedoch so, dass die übliche Mutter nach einer kurzen Erziehungszeit arbeiten muss, ihr bleibt gar keine Wahl mehr.«

»Wenn sie gezwungen sind, zu arbeiten, dann sind sie doch gar nicht mehr für die materielle Ausrichtung der Kinder verantwortlich.«

»Nun, Bruno, enttäuschst du mich etwas, denn das eine hat doch mit dem anderen gar nichts zu tun.«

»Dann kläre mich bitte auf!«

»Wer etwas ändert oder ändern könnte, ist für die Folgen verantwortlich.«

»Was bedeutet das in der Praxis?«

»Die Eltern sollten auf jeden Fall nicht den Weg gehen, mit Geld etwas entschädigen zu wollen, stattdessen sollten sie versuchen, ihre Zeit des Zusammenseins mit den Kindern zu erhöhen, gegebenenfalls abwechselnd. Mit zunehmendem Alter der Kinder sollte die Zeit verkürzt werden. – Die Kinder sollen von der Vorstellung, aus Fehlern der Eltern Geld herausholen zu können, ferngehalten werden.«

»Ach, Adam, das hört sich gut an, aber ist es nicht fern jeder Praxis?«

»Wie nah oder fern es der Praxis ist, hängt von uns allen ab, folglich entscheiden wir, was praktikabel ist und was nicht.«

Wolf-Gero