Samstag, 4. Juni 2011

Adam und Bruno: Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft





Adam

Bruno

Adam und Bruno

Adam und Bruno sind zwei schon etwas reifere Männer. Ihr materieller Status unterscheidet sich kaum. Adams Einstellung scheint etwas kritischer zu sein als die seines früheren Nachbarn Bruno. Daraus ergeben sich einige Anlässe für Diskussionen der beiden.

Gedacht ist an eine in unregelmäßigen Abständen erscheinende Serie von Berichten über Adam und Bruno.




Adam und Bruno: Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft

Mein Weg führt mich durch eine Anlage mit liebevoll gepflegten Kleingärten, und in einem dieser Gärten sehe ich Bruno, einen früheren Nachbarn. Kaum dass er mich erkannt hat, lächelt er mir freundlich zu und kommt mir bis zur Gartenpforte entgegen.
Wir begrüßen uns, und beiläufig frage ich ihn, wie es ihm gehe. Sein für gewöhnlich freundliches Gesicht ändert sich schlagartig, seine Augen blitzen zornig. Und so klingt auch seine Stimme, während er mir antwortet:
»Wie wird es mir schon gehen, nachdem mich einige von Habgier bewegte Kapitalisten in die Armut gedrängt haben, sodass ich nun wie ein arbeitsscheuer Mensch von Sozialhilfe leben muss? Einige nette Mitmenschen meinen sogar, mich unbedingt fragen zu müssen, wie es mir in der sozialen Hängematte gefällt.«
»Und – wie gefällt es dir dort, Bruno?«, versuche ich zu scherzen.

Für einen Augenblick scheint Bruno zu zögern, ob er über meine Frage lachen oder ob er lieber zornig bleiben soll. Der Zorn gewinnt, und Bruno fällt sein Urteil: »Das ist nicht lustig!«
Ich blicke in sein zorniges Gesicht und frage mich, wo sein Verständnis für andere in ähnlicher Lage war, als er noch in Lohn und Brot stand und deshalb auf Sozialhilfe nicht angewiesen war. – Seinen Zorn kann ich durchaus nachvollziehen, aber mein Mitgefühl schweigt. Schließlich weiß ich, dass Bruno ein Anhänger des Kapitalismus ist oder zumindest war und sogar die kleine machthungrige Partei zu wählen pflegte, die sich wie keine andere für den Ausbau des Kapitalismus einsetzt. – Offensichtlich wird Schmerz erst dann beachtet, wenn man ihn selbst fühlt.
»Du überraschst mich, denn deine negative Einstellung zum Kapitalismus verstehe ich im Augenblick nicht. Du warst doch stets ein Befürworter dieses Systems. – Wann hat sich deine Einstellung geändert?«, frage ich.
»Nachdem ich jahrzehntelang meine Pflicht für meinen Arbeitgeber getan hatte, entschied eine offenbar mächtige Gruppe von Investoren, die Produktion ins ferne Ausland zu verlagern und dafür das heimische Unternehmen zu schließen – schon saß ich auf der Straße.«
»Für dich als Anhänger einer Gesellschaft, in der dem Kapital eine größere Bedeutung beigemessen wird als den Menschen, sollte die Entlassung von Mitarbeitern doch ein ganz normaler Vorgang sein.«
»Das mag stimmen, aber die Pflicht des Arbeitgebers endet nicht mit der Entlassung eines Arbeitnehmers, sie reicht weiter und schließt die Hilfestellung bei der Suche nach einem angemessenen Arbeitsplatz ein. Denn solange das Arbeitsverhältnis bestand, verdiente der Arbeitgeber an seinem Angestellten. Einen Anteil davon sollte er nach der Entlassung seines Mitarbeiters darauf verwenden, ihm bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz zu helfen und sich so der Verantwortlichkeit zu stellen«, erläutert Bruno.
»Ich fürchte, Bruno, zumindest in diesem einen Punkt überschätzt du den Kapitalismus und die Charakterstärke des Arbeitgebers. Er entlässt die Arbeitnehmer nicht, um ihnen einen Gefallen zu erweisen, sondern deshalb, weil er sich davon einen finanziellen Vorteil verspricht. Zu dieser Einstellung passt es nicht, dass er sich um Arbeitsplätze für die Entlassenen kümmert. Handelte er trotzdem derart fürsorglich, ginge es natürlich zulasten der Ersparnis, die durch Entlassung von Mitarbeitern erreicht wurde. Das wäre kein sauberer Kapitalismus mehr, denn eine Portion Sozialismus hätte ihn kontaminiert.«
Während ich redlich versuche, Bruno über den wahren Charakter des Kapitalismus aufzuklären, kommt mir ein Gedanke: Ist es möglich, dass Bruno zu seiner bisher positiven Einschätzung des Kapitalismus allein deshalb fand, weil er ihm etwas zugeordnet hatte, was kein Bestandteil des Kapitalismus ist?
»Nun verrate mir doch einmal, Adam, greifst du den Kapitalismus jetzt an – oder verteidigst du ihn?«, möchte Bruno wissen.
»Ich beabsichtige weder das eine noch das andere. Mir geht es lediglich darum, einige Fakten zu sammeln.«
»Einige Fakten willst du sammeln? – Worüber willst du sie sammeln und wozu?«, erkundigt sich Bruno.
»Aber Bruno, jetzt erstaunst du mich aber sehr, denn der Zweck liegt doch auf der Hand.«
»Für mich leider nicht, Adam«, widerspricht Bruno.
»Bevor ich beginne, Vermutungen anzustellen, wie sich etwas verhalten wird, oder sogar ein Urteil fälle, bemühe ich mich, möglichst viel über das Objekt zu erfahren.«
»Das verstehe ich und finde es gut.«
»Danke!«
»Das Problem mit den entlassenen Arbeitnehmern ist noch ungelöst: Du bist augenscheinlich dagegen, dass der ehemalige Arbeitgeber in die Pflicht genommen wird, was wieder einmal bedeutet, dass Gewinne in private Hände wandern, während Kosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden«, fasst Bruno den gegenwärtigen Stand – wie er ihn einschätzt –zusammen.
»Es scheint sich ein Missverständnis eingeschlichen zu haben. Ich hätte nichts dagegen, Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen; wir wissen jedoch beide, dass das nicht zum Kapitalismus gehört.«
»Was geschieht dann aber mit den Entlassenen, wenn sich der bisherige Arbeitgeber für sie nicht verantwortlich zu fühlen braucht?«
»Die Befürworter des Kapitalismus und erst recht seine Nutznießer haben ein Credo: Der Markt regelt alles, sofern man ihn nur lässt.«
»Willst du damit etwa sagen, dass es eine kapitalistisch geprägte Gesellschaft hinnehmen muss, wenn eine starke Kraft völlig unkontrolliert die eigenen Ziele verfolgt – wie ein Staat im Staate?«
»Man könnte es durchaus so ausdrücken«, beantworte ich Brunos Frage.
»Du sagst es, wie mir jedenfalls scheint, ohne verärgert zu sein«, wundert sich Bruno.
»Im Augenblick bin ich in Gedanken bei dem, was mit den Entlassenen geschehen könnte, ohne deswegen gegen das Credo des Kapitalismus zu verstoßen.«
»Also gut, es geht jetzt um entlassene Mitarbeiter.«
»Wie es für die Entlassenen weitergehen könnte, hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob die Wirtschaft noch über ausreichende Selbstheilungskräfte verfügt. Sie sollten aber vorhanden sein, sofern die kapitalistische Wirtschaft nicht allzu viele Eingriffe von inkompetenter Seite hinnehmen musste. Fest steht jedoch, dass nicht nur die Arbeitgeber ihren Beitrag zu leisten haben, für die Arbeitnehmer gilt es ebenfalls: Sie müssen einiges an Flexibilität zeigen.«
»Flexibilität? – Das ist totaler Unsinn, Adam! Willst du behaupten, ich sei nicht flexibel genug? Und dich hielt ich für meinen Freund!«, erbost sich Bruno, und vor Wut läuft sein Gesicht rot an.
»Jetzt tust du mir unrecht, Bruno, denn das Gegenteil trifft zu.«
Die Wut verschwindet sofort aus seinem Gesicht und gibt es frei für den Ausdruck höchsten Erstaunens.
»Wie meinst du das?«, will er wissen und sieht mich voller Erwartung an.
»Gerade weil du mir nicht unsympathisch bist, bemühe ich mich doch, deinen persönlichen Schicksalsschlag zu analysieren.«
»Ich sitze – bildlich gesprochen – auf der Straße! Was gibt es da noch zu analysieren?«
»Es ist oft hilfreich, wenn man weiß, ob das, was einem widerfährt, die Folge einer persönlichen Besonderheit ist oder lediglich ein einzelnes Symptom eines völlig üblichen Vorgangs.«
»Ein paar Kapitalgeber konnten ihren Hals nicht voll genug kriegen und zerschlugen deshalb ein florierendes Unternehmen. Daraufhin verlor ich meinen Arbeitsplatz und fand mich im Heer der Arbeitslosen wieder. – Das ist meine Analyse … jetzt wissen wir es! – Was soll nun daran hilfreich sein?«, tobt Bruno. Sein Gesicht wirkt nicht mehr erstaunt, es zeigt wieder pure Wut.
»Räumen wir jemandem die Möglichkeit ein, sich zu bereichern, ohne dass er dafür mit einer Strafverfolgung rechnen muss, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit die Gelegenheit nutzen. Es gehört …«
»Ich warte auf das Hilfreiche«, unterbricht mich Bruno knurrend. »Du erzählst mir dieses und auch jenes, aber wo bleibt das, woran ich deine Sympathie für mich erkennen kann?«, schimpft er ungeduldig.
»Es kommt, ich verspreche es! Habe bitte noch etwas Geduld! – Damit es ganz deutlich wird, muss ich weiter ausholen«, bemühe ich mich, ihn zu beruhigen.
»Also gut!« Sein Gesicht entspannt sich tatsächlich.
»Um deine Ungeduld ein bisschen zu dämpfen, werde ich dir verraten, worauf ich hinaus will.«
»Jetzt bin ich aber gespannt«, knurrt er wieder, und ich sehe ihm die Spannung an.
»Ich will dir insbesondere verdeutlichen, dass du mit deiner positiven Einschätzung des Kapitalismus wirklich recht hattest. Er ist tatsächlich eine Gesellschaftsform, die dem Einzelnen gute Möglichkeiten bietet, etwas mehr zu erreichen als nur sein tägliches Brot, um satt zu werden.«
»Ich gebe es zu: Jetzt hast du mich überrascht«, bekennt Bruno freimütig und scheint sein persönliches Unglück für einen Augenblick zu vergessen.

»Wer mit einer Oblate pro Tag zufrieden ist, wird sie auch in einer kapitalistischen Gesellschaft erhalten. Will dagegen jemand ein besseres Finanzpolster haben, so wird ihm das niemand hinterhertragen, dafür hat er selbst zu sorgen.«
»Du verwirrst mich. Willst du mir etwa erklären, wie Kapitalismus funktioniert?«
»Nein, das habe ich keineswegs vor, zumal ich davon ausgehe, dass du ihn weit besser kennst als ich«, erwidere ich und fahre fort: »Meine Absicht ist es allein, auf einige Besonderheiten hinzuweisen, die zwar zu den Stärken des Kapitalismus gehören, die wir aber trotzdem allzu häufig übersehen.«
»Die Spannung wächst und wächst …« Er lächelt sogar ganz leicht.
»Wir Menschen lassen uns in zwei verschiedene Typen aufteilen: Zunächst haben wir da die große Masse, die mit dem, was sie bekommt, überwiegend zufrieden ist. In der Gruppe sind zwar einige, die nicht immer völlig zufrieden sind, die gern etwas mehr hätten, aber dieser Wunsch ist nicht so glühend, dass sie deswegen in die zweite Gruppe überwechseln und aktiv werden.«
Ich lege eine kurze Pause ein, um Bruno Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern – aber er schweigt. Sein Gesicht zeigt wirkliches Interesse.
»Gut, kommen wir zur zweiten Gruppe. In ihr finden wir die eigentlichen Kapitalisten. Für sie ist die Jagd nach Vergrößerung des Vermögens eine Art von realistischem Monopoly-Spiel. Erregt von einer verlockenden Aussicht auf ein wachsendes Vermögen, studieren sie mit großer Begeisterung den Wirtschaftsteil etlicher Tageszeitungen und suchen nach lukrativen Anlagemöglichkeiten. Wie es sich allerdings zeigt, neigen die von Habgier beeinflussten Jäger nach Reichtum dazu, bei Anlagemöglichkeiten vor allem auf die Höhe der Prozente zu achten und die Risiken zu übersehen. Nicht anders als beim Monopoly-Spiel ist auch das wirkliche Leben nicht frei von Verlusten. Diese Kapitalanleger sind selbstverständlich schlau genug, nicht den für ihren Lebensunterhalt erforderlichen Teil an ihrem Vermögen zu riskieren, sondern nur das Kapital, das sie gegebenenfalls verlieren können, ohne dass deswegen ihre Existenz bedroht wird.«
»So habe ich die Kapitalisten noch nie betrachtet. Du schilderst diese Menschen, als hätten sie wirklich Freude an dieser Art ihrer Lebensführung«, bemerkt Bruno.
»Wie dir, so ergeht es vielen anderen ebenfalls. – Doch fahren wir fort, denn jetzt kommen wir nämlich zu einer erstaunlichen Entdeckung, die natürlich vor allem diese engagierten Kapitalisten begeistert: Es ist sozusagen der Lebenslauf des Kapitals. Zunächst wird es in bestehende Unternehmen investiert, und dort entwickelt es sich zur Konkurrenz für die Arbeitnehmer. Folglich scheint es nur konsequent zu sein, dass es auch ein Gehalt verlangt, eine Gewinnbeteiligung. Anstoß nehmen daran – wie sollte es auch anders sein – einige Fanatiker, die Gerechtigkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben, richtiger: ihre Version von Gerechtigkeit. Die Entwicklung des Kapitals können sie jedoch nicht aufhalten, denn es gibt etwas, was bewusst verschwiegen wird, um keine Gegner aufzuschrecken.«
»Bis jetzt habe ich noch nicht herausgefunden, was du erreichen willst. Im Augenblick tappe ich noch völlig im Dunkeln … aber, entschuldige bitte, ich wollte dich nicht unterbrechen. Erzähle bitte weiter!«, wirft Bruno ein.
»Erinnern wir uns daran, dass Arbeitnehmer und das Kapital zunächst Konkurrenten sind, allerdings sind sie nicht gleichwertig. – Wer ist höherwertig, das Kapital oder die Arbeitnehmerschaft?«, frage ich nun den überraschten Bruno.
»Jetzt erwartest du wohl eine Antwort von mir, sofern ich dich richtig verstanden habe?«, vergewissert er sich.
»Selbstverständlich nur, wenn es dir keine Probleme bereitet«, beeile ich mich, ihm zu antworten.
»Nein, das bereitet keine Probleme«, versichert er mir sofort. »Höherwertig ist die Arbeitnehmerschaft, denn sie wurde ausgebildet, in ihr steckt alles Wissen.«
»In ihr steckt das Wissen, das ist völlig richtig, aber in ihr stecken auch die beschränkte Arbeitszeit, die Querelen mit den Gewerkschaften, die Streiks, die Forderung nach mehr Freizeit und höherem Einkommen sowie natürlich einem human gestalteten Arbeitsplatz, der Wunsch nach einem kurzen Arbeitsweg und der Sicherheit, nicht in eine andere Stadt oder gar in ein fremdes Land umziehen zu müssen. Arbeitnehmer können krank werden, bei einem Unfall verletzt oder sogar getötet werden, sie bekommen Kinder, die selbstverständlich auch Bedürfnisse haben und dadurch die ohnehin bescheidene Flexibilität der Eltern weiter einschränken. – Bleibst du noch immer bei deiner Ansicht, die Arbeitnehmerschaft sei im Vergleich mit dem Kapital höherwertig? – Zu welchem Urteil kommen wohl die Kapitalisten?«
Offensichtlich ist mir die Überraschung gelungen, denn Bruno betrachtet mich, als habe er erst jetzt mein wahres Ich erkannt und könne das Gehörte gar nicht fassen.
»Wie man sich doch täuschen kann! Ich hielt dich stets für einen Gegner des Kapitalismus.« Ungläubig schüttelt Bruno seinen Kopf. »Ich kann es gar nicht fassen, dass du mir die gesamte Zeit, die wir uns kennen, ein falsches Bild von dir vermittelt hast.« – Er schweigt, als wären ihm die Worte ausgegangen, und schüttelt dann abermals seinen Kopf.
»Bist du sicher, dass ich dir jetzt ein realistischeres Bild von mir vermittelt habe? Ist es nicht oft so, dass man sich dort, wo man sich bereits einmal geirrt hat, durchaus auch ein zweites Mal irren kann?«, gebe ich zu bedenken.
»Das wäre sicherlich möglich, aber ich sehe in dir jetzt einen Befürworter des Kapitalismus … oder irre ich mich schon wieder?« Überzeugt von seinem Urteil, richtet er auf mich einen bewusst erzeugten festen Blick; doch ein leiser Zweifel steht ihm ins Gesicht geschrieben.
»Lassen wir die Frage, was ich bin, unbeantwortet, weil sie in diesem Zusammenhang keine Bedeutung hat.«
»Ich hätte zwar die Antwort gern erhalten, aber du bist der Erzähler, und du bestimmst deshalb, was du erzählen willst«, gesteht mir Bruno zu.
»Am Ende unseres Gesprächs wirst du wissen, was ich bin oder nicht bin«, verspreche ich ihm.
»Geht es etwa noch weiter?«
»Ja, es geht noch weiter, denn wir wollen zum Schluss zu einem Urteil kommen, und zwar über den immer mehr akzeptierten Kapitalismus und …«, ich breche den Satz ab und warte, ob ich eine Antwort erhalte oder ob eine Frage gestellt wird.
»Schon kommst du wieder mit einem Rätsel! Dabei bin ich doch gar kein Freund von Rätseln«, brummelt er etwas unwirsch.
»Das ist auch nicht erforderlich. Außerdem will ich es nicht zu spannend machen, denn das lenkt schließlich nur vom eigentlichen Thema ab.«
»Das freut mich«, gibt er erleichtert von sich.
»Es folgt kein Rätsel, sondern eine Aufgabe, die es zu lösen gilt: Was stünde wohl auf einem Wunschzettel der Kapitalisten, dürften sie sich das wünschen, was ihnen am besten gefällt?«
»Fahre fort!«, ruft Bruno hastig, bevor ich ihm Fragen stellen kann.
»Sicherlich möchten sie von allen Eingriffen verschont bleiben, von wem sie auch immer kommen mögen, denn jede Einmischung stört den freien Markt, und nicht zuletzt verhindert sie häufig saubere Lösungen.«
»Das leuchtet mir ein«, erklärt Bruno.
»Mithilfe von Zauberkraft wollen wir jetzt einmal den größten Wunsch der Kapitalisten erfüllen: Vom heutigen Tag an mischt sich unser Staat nicht mehr in die Belange der Wirtschaft ein, sodass sich dann alles auf wunderbare Weise von selbst regelt. Falls ein Unternehmen in Konkurs geht, muss das investierte Kapital oder zumindest ein Teil davon als Verlust verbucht werden; aber das Risiko sollte jeder, der sich an der Wirtschaft beteiligt, kennen und sich darauf vorbereiten. Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, sind nicht gezwungen, sich sofort in die soziale Hängematte zu begeben, denn wenn die Wirtschaft ohne staatliches Einmischen bleibt, gibt es relativ schnell neue Unternehmen, die Arbeitskräfte einstellen. – Arbeitnehmer haben selbstverständlich keinen Anspruch auf großzügig bezahlte Arbeitsplätze mit der gewünschten Tätigkeit und dann vielleicht noch am Wohnort. Möglicherweise muss er sich zwar um einen zweiten oder sogar um einen dritten Arbeitsplatz bemühen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, aber das ist alles in Ordnung, denn es ist die wirklich wunderbare Welt des Kapitalismus. Wer in dieser Welt über ein hinreichend großes Kapital verfügen und es gewinnbringend investieren kann, profitiert fraglos von der Zurückhaltung des Staates.«
Bruno ist verwirrt und schweigt. Mit weit geöffneten Augen betrachtet er mich, als hoffe er, in meinem Gesicht die Erklärung für seine Verwirrung zu finden.
»Die ideale Gesellschaft eines Kapitalisten greift unter keinen Umständen in die Wirtschaftsabläufe ein, und die Arbeitnehmer verhalten sich beinahe so wie unbeschränkt einsetzbares Kapital. Sie sind für jede einfache Tätigkeit geeignet, an keinen Ort gebunden und brauchen keinen Urlaub. Was sie allerdings vom Kapital unterscheidet, ist der Bedarf an Finanzmitteln. Zwar ist auch der Einsatz des Kapitals nicht vollkommen umsonst – unter Umständen muss zwar eine Gewinnbeteiligung gezahlt werden –, aber das Kapital verbraucht kein Geld für sich selbst: Es ist wie ein besonders günstiger Sklave, der nicht einmal Nahrung und Unterkunft braucht. Hingegen ist ein Arbeitnehmer für seine Familie und für sich auf Geld angewiesen, was ein nicht unerheblicher Nachteil ist. Überdies sollten wir erkennen, dass sich Menschen noch so sehr zurücknehmen können, für den Kapitalanleger werden sie nie die Qualität von Kapital erreichen. – Es gibt jedoch einen Vergleich, bei dem der Arbeitnehmer besser abschneidet, und zwar im Vergleich mit Maschinen: Ist eine Maschine defekt, muss sie repariert oder sogar erneuert werden; es fallen Kosten für den Unternehmer an. Ein kranker Mensch erhält Hilfe von Medizinern; deren Kosten trägt die Gemeinschaft. Ist der Arbeitnehmer dauerhaft erwerbsunfähig, scheidet er aus dem Arbeitsleben aus, ohne dass dem Unternehmer Kosten entstehen.«
Bruno schweigt weiterhin, also fahre ich fort: »Wie wir inzwischen erkannt haben sollten, ist für den Kapitalismus der ideale Arbeitnehmer extrem flexibel, sodass er überall eingesetzt werden kann. – Stimmst du dem zu, Bruno?«
»Das hört sich richtig an.«
»Danke, das ist gut! – Bis zu diesem Augenblick schien der Kapitalismus eine hervorragende Gesellschaftsform zu sein, aber nun …«
»Schien?«, unterbricht mich Bruno. »Was kommt denn jetzt? Wird wieder alles auf den Kopf gestellt?«
»Wir werden es gleich sehen: Arbeitnehmer, die noch nicht durch Maschinen ersetzt wurden, zeichnet ein hohes Maß an Flexibilität aus – wodurch sie dem Kapital immer ähnlicher werden. Zugleich bewegen sie sich jedoch auf einen Konflikt mit einem weiteren System zu. Während die eine Gesellschaftsform …«
»Als ob Kapitalismus nicht schon kompliziert genug wäre, bist du bereits bei der nächsten Gesellschaftsform angekommen. Inzwischen – wie ich zugeben muss – geht mir der Überblick verloren«, beklagt sich Bruno.
»Wir sind bald am Ziel! – Ich verspreche es!«
»Ich kann es kaum erwarten.«
»Es sind letztlich die Ideen zu zwei Gesellschaften, die unser Leben beeinflussen. Die eine Gesellschaft basiert auf dem Kapital, die andere auf menschlicher Leistung. Auf der einen Seite gibt es gravierende Unterschiede zwischen den beiden Gesellschaften, auf der anderen Seite zeigen sie allerdings auch eine verblüffende Gemeinsamkeit. Dass der Kapitalismus dem Kapital den Vorrang einräumt, ist nicht weiter erstaunlich. Selbst die Feststellung, dass die besten Ergebnisse im Kapitalismus natürlich unter idealen Bedingungen erzielt werden, wird gewiss niemanden in Erstaunen versetzen. Bis zu diesem Punkt gilt das auch für die Leistungsgesellschaft. Doch damit enden schon fast die Gemeinsamkeiten. Während die idealen Bedingungen im Kapitalismus dazu führen, dass eine kleine Oberschicht hemmungslos und ohne dabei überwacht zu werden, ihr Vermögen vergrößern kann, führen ideale Bedingungen in der Leistungsgesellschaft zu einer Spitzenleistung, von der die Gesellschaft im Allgemeinen und die Arbeitnehmer im Besonderen profitieren.«
»Nachdem du die Bedeutung der idealen Bedingungen überzeugend dargestellt hast, würde es mir gefallen, wenn du noch schildern könntest, wie sie aussehen.«
»Aber natürlich, Bruno, das mache ich gern!«
»Da ich inzwischen weiß, wie wichtig sie sind, werde ich etwas aufmerksamer zuhören.«
Bruno scheint die pure Aufmerksamkeit zu sein.
»Stell dir bitte vor, Bruno, jeder, der arbeiten will, muss oder möchte, erhält einen für ihn idealen Arbeitsplatz und jedem Arbeitsplatz wird die dafür geeignetste Arbeitskraft zugeordnet.«
»Das hört sich traumhaft an, doch mit der Realität hat es wohl sehr wenig gemein«, gibt Bruno zu bedenken.
»Zunächst mag es zwar wie eine Utopie aussehen, was aber nicht bedeutet, dass es unmöglich ist, bei der Vergabe von Arbeitsplätzen insbesondere Leistungsgesichtspunkte zu berücksichtigen.«
»Das konnte mich nicht überzeugen, Adam. Ist es nicht bereits schwierig genug, für möglichst viele Arbeitskräfte überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden? Woher sollen die Arbeitskräfte und die passenden Arbeitsplätze eigentlich kommen?«, argwöhnt Bruno.
»Lassen wir es einmal offen, ob es mehr ist als nur eine Theorie. – Bist du einverstanden, Bruno?«
»Ich bin einverstanden!«
»Danke! – Betrachten wir die Arbeitskraft, die einen für sie wirklich idealen Arbeitsplatz erhalten hat. Für sie sollte die Arbeit so sein, als ginge sie nur zu ihrem Vergnügen einer Freizeitbeschäftigung nach. Wie wird ihre Leistung voraussichtlich ausfallen? Dürfen wir auf eine eher gute Leistung hoffen oder eher auf eine schwache?«
»Die Antwort auf diese Frage lässt sich auch ohne die Gabe der Prophetie geben, Adam …«
»… und wie lautet nun deine Antwort?«, unterbreche ich Bruno.
»Wir können ein Maximum an Leistung erwarten.«
»Dürfen wir dieses Ergebnis verallgemeinern, indem wir behaupten, mit jeder Arbeitskraft, die einen idealen Arbeitsplatz erhält, steigt die Gesamtleistung?«
»Diese Frage kann ich ohne Vorbehalt bejahen«, erklärt Bruno.
»Die ideale Arbeitskraft auf dem idealen Arbeitsplatz lässt gute oder sogar sehr gute Leistungen erwarten, wie wir festgestellt haben. Ist es uns jetzt ebenfalls erlaubt, den Umkehrschluss zu ziehen?«
»Mir fällt kein Grund ein, der diese Schlussfolgerung untersagen würde.«
»Danke, Bruno! Jetzt haben wir alles Erforderliche für eine weitreichende Folgerung zusammen.«
»Hoffentlich ist es kein kreißender Berg, der von einer Maus entbunden wird!«, spottet Bruno.
»Das wirst du gleich beurteilen können, sobald du den Schluss gezogen hast.«
»Das Fazit soll also ich ziehen? – Bevor ich der Aufgabe jedoch nachkommen kann, brauche ich wohl noch einige Anhaltspunkte.«
»Und du wirst sie sogleich erhalten, Bruno. – Je näher wir dem Ideal-Kapitalismus kommen, desto mehr gewinnt die Flexibilität an Bedeutung. Nach Möglichkeit sollen die Arbeitnehmer auf jedem einfachen Arbeitsplatz einsetzbar sein. Was heißt das für betroffene Arbeitnehmer?«
»Hier folgt nun mein Fazit: Ein wesentlicher Anteil an unserem hohen Lebensstandard ist auf die Spezialisierung der Berufe zurückzuführen. Die Forderung, Arbeitslose hätten jeden angebotenen Arbeitsplatz anzunehmen, ist ein direkter Angriff auf eine sehr wichtige Voraussetzung für unseren hohen Lebensstandard.«
»Dein Hinweis auf unseren Lebensstandard gefällt mir ausgesprochen gut. In diesem Zusammenhang wäre ich gar nicht darauf gekommen. Meine Gedanken richten sich stärker auf den Einfluss, den die beiden Systeme auf die Gesellschaft ausüben. Während der Kapitalismus bemüht ist, auch den Arbeitsplatz, den niemand haben will, mit einer beliebigen Arbeitskraft zu besetzen, das heißt, ohne vorhandene Qualifikationen zu berücksichtigen, strebt die Leistungsgesellschaft danach, jeder Arbeitskraft zu seiner idealen Position zu verhelfen und jedem Arbeitsplatz zu einer idealen Arbeitskraft. Damit fördert sie die Leistung und somit den Wohlstand der Gesellschaft. Hingegen ist der Kapitalismus versucht, die Arbeitslosenstatistiken zu schönen und die Kosten für die Gesellschaft grundsätzlich niedrig zu halten, um einer winzigen und extrem reichen Gruppe ein Leben im Überfluss zu ermöglichen.«
»Wie ich feststelle, fällst du bereits fertige Urteile über zwei mögliche Gesellschaftssysteme, Adam. Auf der einen Seite bin ich überzeugt davon, dass du dich hinreichend in die Materie eingearbeitet hast, doch auf der anderen Seite melden sich meine Bedenken und wollen erfahren, ob es überhaupt ein objektives Urteil geben kann.«
»Du bist ein aufmerksamer Zuhörer, Bruno! Vielleicht siehst du ja eine gute Möglichkeit, um objektiv feststellen zu können, welche der beiden Gesellschaften die bessere ist?«
»Willst du mich etwa prüfen, Adam? Wir wissen doch beide, dass wir nicht von besser oder schlechter sprechen dürfen, wenn wir den Zweck nicht kennen.«
»Aber, Bruno, du bist sehr misstrauisch. Dich zu prüfen liegt mir fern. Es ist vielmehr so, dass wir den Zweck nicht ausdrücklich zu erwähnen brauchen, wenn er als bekannt vorausgesetzt werden kann.«
»Dem stimme ich zu.«
»Was hältst du davon, den Zweck als Bedingung für die Gültigkeit deiner Aussage aufzunehmen?«
»Das ist ein guter Einfall, und ich werde ihn sogleich umsetzen: Will ich erreichen, dass eine reiche Minderheit ihr Leben in größtem Luxus führen kann, kommt nur die kapitalistische Gesellschaft infrage. Liegt mir jedoch mehr an Gerechtigkeit und an den einfachen Leuten, die etwas leisten wollen und auch können, entscheide ich mich für die Leistungsgesellschaft. Als Kurzversion heißt es: Eine kapitalistische Gesellschaft unterstützt vor allem die sehr reiche Minderheit, während die Leistungsgesellschaft für Menschen von Vorteil ist, die fähig und bereit sind, etwas zu leisten.«
»Danke für den Vergleich, Bruno!«
»Gern geschehen, Adam!«
»Du sagst, die Leistungsgesellschaft sei für Menschen von Vorteil, die bereit und fähig sind, etwas zu leisten. Ich vermute jedoch, dass du nicht unterscheidest, ob jemand tatsächlich bereit und fähig ist, etwas zu leisten, oder seine Bereitschaft und Fähigkeit nur vortäuscht.«
»Aber doch, es zählt lediglich die Wahrheit. Schließlich ist eine bloß vorgetäuschte Wahrheit natürlich gar keine Wahrheit«, antwortet Bruno mit fester Stimme.

»Wie verhält es sich mit den Menschen, die sich selbst als Leistungsträger und Besserverdienende ausgeben? Wie passen sie in diese Beschreibung?«
»In der Tat, diese Menschen, die viel Aufhebens von sich machen, weil sie angeblich sehr viel leisten, sind ein Thema für sich. Erfreulicherweise gilt nach wie vor, dass die Arbeit zählt und nicht das Gerede darüber. Wer sein überhöhtes Einkommen rechtfertigen möchte, glaubt, bei der Leistungsgesellschaft fündig werden zu können. Doch er übersieht einen wichtigen Punkt: Ursache und Wirkung werden vertauscht, wenn das Einkommen als Beweis für erbrachte Leistungen herangezogen wird. Doch in einer Leistungsgesellschaft kommt zunächst die Leistung und erst danach die leistungsabhängige Belohnung. Angeblich sehr hohe Leistungen lassen sich folglich nicht zweifelsfrei beweisen. Deshalb sollten sich die betreffenden Menschen auch nicht Besserverdienende, sondern Mehrbekommende nennen, denn das ließe sich immerhin nachweisen.«
»Nachdem der Ostblock zusammengebrochen war, galt das Ereignis als ein deutlicher Sieg des Kapitalismus über Kommunismus beziehungsweise Sozialismus. – Aber ist diese Einschätzung überhaupt richtig?«, frage ich Bruno.
»Bei Vergleichen von Gesellschaften ist es wichtig, wer den Maßstab vorgibt. Wenn man die Anzahl geschäftlicher Vorgänge als Maßstab vorgibt, ist der Nachweis, dass der Kapitalismus das beste Gesellschaftssystem ist, leicht. Jede Beschränkung durch den Staat geht zulasten der Anzahl geschäftlicher Vorgänge. Die höchste Anzahl ist dann zu erreichen, wenn sich der Staat gar nicht einmischt.«
Bruno scheint in seinem Element zu sein. Bevor ich ihn nach der Leistungsgesellschaft fragen kann, fährt er bereits fort:
»Wer dagegen im Leistungsmaximum den Maßstab für die Bewertung einer Gesellschaft sieht, kommt zu anderen Ergebnissen, denn dann setzt nämlich vieles die Leistung herab, woran wir zunächst überhaupt nicht denken: Der Arbeitsplatz an einem anderen Ort oder in einem fremden Arbeitsbereich wird vom Kapitalismus gefordert, weil es trotz eindeutiger Nachteile für Arbeitnehmer die Anzahl geschäftlicher Vorgänge erhöht. Wie aber nicht anders zu erwarten, sieht die Leistungsgesellschaft darin jedoch ein Minus. Wer auf einem fremden Arbeitsplatz sitzt, erbringt sicherlich keine Höchstleistung.«
Bruno blickt auf seine Uhr. »Ich sehe gerade, dass ich mich beeilen muss, um den Zahnarzt-Termin einhalten zu können.« Bruno eilt zum Auto, und ich gehe ich weiter.

Auszug aus Wolf-Gero Bajohr: Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft