Dienstag, 7. Juni 2011

Herausforderung der Götter

Herausforderung der Götter

Zeus
Was zeichnete Götter aus? – Sie taten das, was sie wollten und wo sie wollten, und zwar, ohne jemandem zu Rechenschaft verpflichtet zu sein und ohne Vergeltung fürchten zu müssen. Um ganz sicher zu gehen, erklärten sie ihren Rückzugsbereich für heilig. Ihn zu betreten hatten nur wenige Auserwählte die Erlaubnis. Meistens waren es Könige oder Hohepriester, die sich in die Nähe der Götter wagen durften. Von ihnen ging für gewöhnlich auch keine Gefahr aus, denn sie hatten schließlich viel zu verlieren. Die Griechen nannten diesen Rückzugsbereich der Götter »Olymp«. Dort waren die Götter ganz unter sich, sie konnten schlicht und einfach die Lebensform »Gott« sein. Sie brauchten keinerlei technischen Schutz oder Waffen zu tragen, um sich gegen Angreifer zu wehren: eine Oase des Friedens.

Wie hätten diese Götter wohl reagiert, wenn ein Nichtgott in den Olymp eingedrungen wäre und in dem heiligen Rückzugsgebiet der Götter einige von ihnen getötet hätte?

Es ist nicht überliefert, ob jemals ein Nichtgott in den Olymp eingedrungen ist und dort Götter getötet hat. Trotzdem können wir uns ausmalen, wie die Reaktion gewesen wäre, denn wir haben ein Beispiel aus unserer Gegenwart.

Es gibt eine Supermacht, die zwar nicht aus Göttern besteht, die sich aber ebenso rücksichtslos gebärdet wie einst die Götter. Sie hat keine Scheu, Länder mit Krieg zu überziehen, wenn es um etwas geht, was ihnen wichtig ist, wie zum Beispiel das Öl. Vermutlich fühlen sich einige Bewohner dieses Staates tatsächlich wie Götter. Wo sie auch immer Kriege führten, ob in Korea, Vietnam oder Irak, ihr Olymp blieb ein friedliches Rückzugsgebiet, und Krieg war etwas, was woanders stattfand.

Dann kam der 11. September 2001, und das Unfassbare geschah. Jemand drang in ihren Olymp ein und tötete dort Angehörige dieser Supermacht.

Wie reagierten diese scheinbaren Götter? – Dass Angehörige dieser Supermacht getötet wurden, war nichts Neues, dass sie aber von staatsfremden Nichtgöttern auf dem eigenen Rückzugsgebiet, ihrem Olymp, getötet wurden, das war neu, das war ein Sakrileg. Wie konnte es ein Nichtgott wagen, in das Heiligtum einzudringen und dort Götter zu töten?

Dass Verwandte und Freunde der Opfer betroffen sind, ist selbstverständlich nachvollziehbar, aber dass urplötzlich Mitgefühl mit fremden Opfern vorhanden sein soll, obwohl für bisherige Opfer nicht ein Hauch von Mitgefühl gegeben war, schon gar nicht für Opfer der Supermacht, das ist bereits etwas schwerer zu begreifen.

Um die hysterischen Reaktionen dieser Supermacht zu verstehen, muss man wissen, dass es dort ein Opfer mehr als die dreitausend getöteten Menschen gab: Es gab die Vernichtung des Vertrauens in die Unangreifbarkeit ihres heiligen Bereiches, ihres Olymps. Wo können sich die Angehörigen dieser Supermacht noch sicher fühlen, wenn sie nicht einmal in ihrem eigenen Olymp sicher sind? Schlimmer hätte es diese Supermacht kaum treffen können.

Wolf-Gero Bajohr