Mittwoch, 30. März 2011

Worte wie Sterne, die nie untergingen

Als im Jahr 1855 der etwa 1,80 m große Häuptling der Duwamish-Indianer See-at-la oder See-alth, besser bekannt unter dem von ihm gehassten Namen"Seattle", den die Weißen der bequemeren Aussprache wegen ihm gegeben hatten - vor dem amerikanischen Parlament seine berühmte Rede hielt, bekräftigte er fast einleitend, den Wahrheitsgehalt seiner Rede mit den Worten
"Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter".
Bis in unsere Zeit begleitet uns noch das Leuchten dieser Sterne in unsere selbstzerstörerisch verdunkelte Welt und beeindruckt mit der klaren, ja visionären Erkenntnis des Zusammenspiels von Natur, Tier und Mensch, dem Durchschauen der unbändigen Gier der weißen Rasse, die letztlich auch zu deren Untergang führen würde, auch noch über 150 Jahre nach ihrem Verhallen.
Der 1786 auf Blake Island (im Staate Washington) geborene Sohn des Häuptlings Schwaebe der Suquamish und der Dumawish-Häuptlingstochter Scholitza galt aufgrund des unter diesen Stämmen üblichen Folgens der weiblichen Abstammungslinie als Dumawish-Indianer, der sich schon früh nicht zuletzt durch die Brillanz seines Denkens und Führens Respekt und Achtung der im Gebiet ansässigen indianischen Stämme erwarb, aber unter weißen Glücksrittern als gefährlich galt und gefürchtet war.
Erschüttert erkannte der alternde Häuptling die Vehemenz der weißen Besiedlungsflut und das nahende Ende des "Roten Mannes". Die ursprünglichen Bewohner des Staates Washington, die Suquamish- und die Dumawish-Stämme, erkoren ihn zum Sprecher ihrer Belange, der ihre Interessen gegenüber dem exzessive Land-erwerbenden oder sogar -enteignenden Gouverneur Isaac Stevens vertreten sollte. Anlässlich des Vertragsabschlusses hielt See-at-la die unvergängliche Rede, in der er zunächst unmissverständlich anzeigte, dass ihm wohl bewusst war, dass im Falle einer Verkaufsweigerung, das Land ihnen sowieso genommen würde doch zugleich mit der Frage: "Wie kann man den Himmel verkaufen oder die Wärme der Erde?" das Nichtverstehen dieser Handlung des weißen Mannes darlegte.
Mit Bestürzung lesen wir heute die Worte "unsere Toten vergessen diese wunderbare Erde nie, denn sie ist des roten Mannes Mutter" und erkennen die Größe in dem Vermächtnis und Auftrag, die er der weißen Rasse hinterlässt:"...Wenn wir unser Land verkaufen, so müsst ihr euch daran erinnern und eure Kinder lehren: Die Flüsse sind unsere Brüder - und eure - und ihr müsst von nun an den Flüssen eure Güte geben, so wie jedem anderen Bruder auch.." Das Wissen um das Unverständnis des "Weißen Mannes" gegenüber der indianischen Art und dass er "seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, behandelt wie Dinge zum Kaufen und Plündern, zum Verkaufen wie Schafe oder glänzende Perlen" bringt ihn zu dem Ruf "sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurück lassen als eine Wüste" und zur Ermahnung "der weiße Mann muss die Tiere behandeln wie seine Brüder"; denn "was immer den Tieren geschieht - geschieht bald auch den Menschen. Alle Dinge sind miteinander verbunden"..weiter "..denn das wissen wir, die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde - das wissen wir. Immer wieder werden die weisen Worte, oft voll Bitternis, unterbrochen mit der Bemerkung: "Wir werden euer Angebot, unser Land zu kaufen, bedenken..." und in der verzweifelten, sich immer wiederholenden Aussage "..aber ich bin ein Wilder.." zeigt sich der durch weiße Überheblichkeit gedemütigte Stolz eines wahren Wissenden.
Beschleicht uns nicht ein Grauen angesichts der Worte: "Auch die Weißen werden vergehen, eher vielleicht als alle anderen Stämme. Fahret fort, Euer Bett zu verseuchen, und eines Nachts werdet ihr im eigenen Abfall ersticken. Aber in eurem Untergang werdet ihr hell strahlen, angefeuert von der Stärke des Gottes, der euch in dieses Land brachte..."? Immer wieder stellte sich der zum Christentum konvertierte Häuptling die Frage, wieso Gott den Weißen die Herrschaft über die Tiere, die Wälder und den "Roten Mann" gab, diese Bestimmung blieb ihm ein Rätsel. Er konnte sich nicht vorstellen, welche Visionen die Weißen hätten, wovon sie träumten oder welche Hoffnungen sie in ihren Kindern weckten, dann hätte er sie vielleicht verstehen können und stellt beklommen fest: "Es ist nicht viel, was uns verbindet" und dann siegt am Schluss das Dennoch: "Denn eines wissen wir - unser Gott ist derselbe Gott. Diese Erde ist ihm heilig. Selbst der weiße Mann kann der gemeinsamen Bestimmung nicht entgehen. Vielleicht sind wir doch Brüder. Wir werden sehen.."
Obwohl See-at-la ahnte, dass seinem Volk nie die vertraglich zugesicherte Summe gezahlt würde, unterschrieb er als erster den Vertrag und erreichte nur einen Teilerfolg. Allein die Suquamish durften in dem zugesicherten Reservat leben, den Dumawish wurde dieses zweifelhafte "Glück" nicht zuteil, sie gingen unter. Seattle lebte und starb 1866 verarmt und bitter enttäuscht in einem Suquamish-Reservat.
Ja, großer Häuptling, jetzt in einer Zeit, in der für viele Menschen aller Rassen das Ende des Lebens angebrochen ist und die Zeit des Überlebens begonnen hat, leuchten Deine Worte noch strahlender als alle Sterne am Himmel, beben ungestüm wie die Erde, rauschen wie die Wasser und brenner heller als 1000 Sonnen in den Tiefen unserer Herzen.
Wir wissen es nun, wir sind doch Brüder...

(Die ganze Rede Seattles nachzulesen unter http://www.medienwerkstatt-online.de/)
Bildquellen: Seattle und Wald mit Flußlauf: Medienwerkstatt
Abendstimmung am Woog: Pünktchen
Siebengestirn in den Plejaden: Nasa-Foto, auf Tageschau.de